Quellenbasierte Analyse der OKR Experten® · Stand: Oktober 2026
Quellenbasierte Analyse der OKR Experten® · Stand: Oktober 2026
Von Erno Marius Obogeanu-Hempel · Zuletzt aktualisiert: 10. Oktober 2026
Radhika Dutt rät in ihrem Buch „Radical Product Thinking“, die Zielsetzung mit OKR durch ihren eigenen Ansatz zu ersetzen. Wir haben ihre sieben Thesen gegen OKR geprüft: an den Quellen, die sie selbst anführt, an unabhängiger Forschung und an unserer Erfahrung aus über 300 OKR-Einführungen.
Besprochenes Werk: Dutt, R. (2021). Radical product thinking: The new mindset for innovating smarter (1. Aufl.). Berrett-Koehler. ISBN 978-1-5230-9331-1
Radhika Dutts Buch „Radical Product Thinking“ (2021) beschreibt einen Ansatz für visionsgetriebene Produktentwicklung. Im sechsten Kapitel setzt sich Dutt ausführlich mit Objectives and Key Results (OKR) auseinander und kommt zu einem klaren Urteil:
„It’s time to abandon the approach of using product metrics to set performance goals. It’s time for a more radical approach.“
Übersetzung: „Es ist Zeit, den Ansatz aufzugeben, Produktkennzahlen für Leistungsziele zu nutzen. Es ist Zeit für einen radikaleren Ansatz.“
Dutt beschreibt in ihrem Buch spannende und sinnvolle Ansätze. Ihre Vorlage für ein Vision Statement, ihre RDCL-Strategie und ihre Priorisierungsmatrix sind gute Werkzeuge für Produktteams. Umso bedauerlicher ist ihre pauschale Absage an OKR. Sie positioniert ihre Methode ausdrücklich als Ersatz: „To align your team on metrics and replace goal setting through OKRs, you can take these three practical steps“ (dt. „Um Ihr Team auf gemeinsame Kennzahlen auszurichten und die Zielsetzung mit OKR zu ersetzen, können Sie diese drei praktischen Schritte gehen“). Dabei ließe sich OKR gut mit ihren Ansätzen kombinieren, wie Abschnitt 2.6 zeigt.
Wir bei OKR Experten haben bei über 300 Unternehmen die Einführung von OKR begleiten dürfen, vom Handwerk bis zum Energiekonzern und zur öffentlichen Verwaltung. Deshalb nehmen wir Dutts Kritik ernst. Wir haben jedes ihrer Argumente geprüft: an den Quellen, die sie selbst anführt, und an unabhängiger Forschung.
Die Probleme, die Dutt beschreibt, sind real. Sie entstehen dort, wo OKR nicht optimal eingeführt oder umgesetzt wird. Wir vermuten, dass Dutts Erkenntnisse aus solchen Einführungen stammen. Hätte sie OKR so erlebt, wie wir es in Unternehmen etablieren, wäre ihr Urteil vermutlich anders ausgefallen. Wir praktizieren OKR anders: Wir haben die Methode weiterentwickelt und an die Unternehmenskultur und die Rahmenbedingungen in Deutschland und Europa angepasst. Fünf Anpassungen sind dabei zentral:
Damit unterscheidet sich unser Vorgehen bewusst von Modellen, in denen OKR bis zur einzelnen Person reichen und in die individuelle Leistungsbeurteilung einfließen. Wie sich das auf Dutts Kritik auswirkt, zeigen die folgenden Abschnitte.
Das Ergebnis vorweg: Dutts Kritik trifft eine Form der Zielsteuerung, die OKR ausdrücklich ausschließt, nämlich Vertriebsquoten, an Boni gekoppelte Jahresziele und individuelle Zielvereinbarungen. Wo sie einen wahren Kern berührt, liegt die Antwort in OKR selbst, teilweise schon seit Andy Grove, der die Methode in den 1970er-Jahren bei Intel entwickelt hat.
Dutts OKR-Kritik steht gebündelt im Abschnitt „The Danger of Setting Goals for Product Metrics“ (dt. „Die Gefahr, Ziele für Produktkennzahlen zu setzen“) in Kapitel 6 ihres Buchs. Alle Zitate von Dutt stammen aus diesem Kapitel, soweit nicht anders angegeben (Dutt 2021). Ihre Kritik lässt sich in sieben Thesen zusammenfassen:
Dutt setzt OKR ihre eigene Methode entgegen. Sie besteht aus fünf Bausteinen:
An die Stelle von OKR sollen drei Schritte treten: „Align on what you’ll measure. Create a safe environment to discuss metrics. Manage progress through regular feedback.“ (dt. „Einigen Sie sich darauf, was Sie messen. Schaffen Sie ein sicheres Umfeld, um über Kennzahlen zu sprechen. Steuern Sie den Fortschritt über regelmäßiges Feedback.“)
Den Kern ihrer OKR-Kritik fasst Dutt in einer ihrer sieben „Produktkrankheiten“ (Kap. 2) zusammen, der „Hypermetricemia“: „focusing excessively on measurable outcomes to determine success, irrespective of whether those are the right things to measure.“ (dt. „die übermäßige Fixierung auf messbare Ergebnisse als Erfolgsmaßstab, unabhängig davon, ob das die richtigen Messgrößen sind.“)
OKR sind für Dutt „a framework used by many companies to define goals across the organization, assign responsibility, and track outcomes“ (dt. „ein Rahmenwerk, mit dem viele Unternehmen Ziele für die gesamte Organisation festlegen, Verantwortung zuweisen und Ergebnisse verfolgen“). Ihre stärksten Belege gegen Ziele sind Lucent und Wells Fargo. Über Wells Fargo schreibt sie:
„branch managers were assigned aggressive quotas for the number and types of products sold. If the branch did not hit its targets, the shortfall was added to the next day’s goals.“
Übersetzung: „Filialleitern wurden aggressive Quoten für Anzahl und Art der verkauften Produkte zugewiesen. Erreichte eine Filiale ihre Ziele nicht, wurde die Fehlmenge auf die Ziele des nächsten Tages aufgeschlagen.“
Bei Lucent gab der CEO ein jährliches Umsatzwachstum von 20 Prozent vor. Bei Wells Fargo wurden Fehlmengen auf den nächsten Tag aufgeschlagen. Die US-Verbraucherschutzbehörde CFPB (2016) nennt als Ursache ausdrücklich „sales targets and compensation incentives“ (dt. „Verkaufsziele und Vergütungsanreize“). Beides sind Quotensysteme unter hohem Druck, bei Wells Fargo ausdrücklich verbunden mit Vergütungsanreizen.
OKR, wie wir es praktizieren, schließt genau diese Merkmale aus:
Dutt selbst zitiert Laszlo Bock, von 2006 bis 2016 Personalchef von Google: „Google tied OKRs for usage of a product directly to people’s compensation. People started gaming the system to get their bonuses.“ (dt. „Google koppelte OKR zur Nutzung eines Produkts direkt an die Vergütung der Mitarbeitenden. Die Leute begannen, das System auszutricksen, um ihre Boni zu bekommen.“) Die Konsequenz war die Entkopplung von OKR und Vergütung. Ihre Fallbeispiele zeigen also, was passiert, wenn genau diese OKR-Regeln fehlen. Gegen OKR sprechen sie nicht.
Spotify habe auf seinem HR-Blog angekündigt, „it’s no longer using OKRs“ (dt. „dass es keine OKR mehr nutzt“). Dutt zitiert daraus: „What went into the OKR process was often already outdated when we got that far. So the OKRs that came out were too.“ (dt. „Was in den OKR-Prozess einfloss, war oft schon veraltet, bis wir so weit waren. Also waren es auch die OKR, die dabei herauskamen.“)
Dutts eigene Quelle (Spotify HR Blog 2016) trägt den Titel „Why Individual OKRs Don’t Work for Us“ (dt. „Warum individuelle OKR bei uns nicht funktionieren“). Spotify schreibt darin, man habe 2013 die OKR für einzelne Mitarbeitende abgeschafft, weil der Prozess bis hinunter zur einzelnen Person überflüssig geworden sei. Auf Unternehmensebene, so Spotify im selben Beitrag, funktionierten OKR gut.
Wir setzen OKR auf Unternehmens-, Bereichs-, Abteilungs- und Teamebene ein, nicht als Zielvereinbarung mit einzelnen Mitarbeitenden. Spotifys Erfahrung bestätigt diesen Ansatz, statt ihn zu widerlegen.
„Studies have found that on a complex task where a correct strategy wasn’t obvious and when performance was more a function of strategy than of task effort, do-your-best instructions led to better results than specific goals.“
Übersetzung: „Studien haben gezeigt, dass bei komplexen Aufgaben, bei denen die richtige Strategie nicht offensichtlich war und die Leistung mehr von der Strategie als vom Einsatz abhing, die Anweisung ‚Gib dein Bestes‘ zu besseren Ergebnissen führte als konkrete Ziele.“
Dutt stützt sich dabei vor allem auf den Aufsatz „Goals Gone Wild“ (Ordóñez et al. 2009a) und eine Studie von Earley, Connolly und Ekegren (1989).
Richtig ist: In frühen Lernphasen, wenn das Wissen für die Aufgabe noch fehlt, können konkrete Leistungsziele schaden. Dutt lässt aber den entscheidenden Teil derselben Forschung weg.
Wie OKR mit Lernzielen in unsicheren Phasen umgeht, beschreiben wir in Abschnitt 3.4.
„getting buy-in and setting OKRs every year takes incredible effort. If you discover during the year that some of the goals were set incorrectly, how much of the coordination and realignment are you willing to revisit?“
Übersetzung: „Zustimmung einzuholen und jedes Jahr OKR festzulegen, kostet enormen Aufwand. Wenn man im Laufe des Jahres feststellt, dass einige Ziele falsch gesetzt wurden: Wie viel der Koordination und Neuausrichtung ist man bereit, noch einmal anzufassen?“
Dazu zitiert sie eine Führungskraft aus einem Großunternehmen: „We’d die if we had to do this many times a year.“ (dt. „Wir würden daran zugrunde gehen, wenn wir das mehrmals im Jahr machen müssten.“)
Dutt argumentiert mit jährlichen OKR. Tatsächlich setzt auch Google laut eigenem Leitfaden (Google re:Work) „annual and quarterly OKRs“ (dt. „jährliche und vierteljährliche OKR“). Mit Jahres-OKR haben wir in der Praxis keine guten Erfahrungen gemacht: Die Methode wird dabei anders verwendet als in den kurzen Zyklen, und das führt meist zu Verwirrung. Für das Jahr arbeiten wir deshalb mit zwei anderen Instrumenten:
OKR selbst setzen wir nur für kurze Zyklen, bisher meist für drei Monate (Quartal), teilweise für vier Monate (Tertial). Aufgrund der Beschleunigung der Technologieentwicklung durch KI und der daraus entstehenden Beschleunigung in nahezu allen Bereichen gehen wir künftig von einem Zyklus von zwei Monaten als Standard aus. Der Fortschritt wird wöchentlich im Check-In besprochen, und die Maßnahmen werden im Rhythmus von ein bis zwei Wochen an ihre tatsächliche Wirkung angepasst. Das Ziel bleibt stabil, der Weg dorthin ist flexibel. Bei unvorhersehbaren Großereignissen wie einer Pandemie oder einem Kriegsausbruch starten wir das Planning vollständig neu.
Das Zitat der Führungskraft beschreibt erkennbar eine strikte Kaskade, in der jedes Key Result von oben nach unten weitergereicht wird. Mit wachsender Reife arbeiten wir mit loser Kopplung: Die Teams leiten ihre OKR eigenständig aus den übergeordneten OKR ab. Das senkt den Abstimmungsaufwand erheblich. Bei sehr reifen Produktteams ist statt einer Kaskade auch eine Zielsetzung von unten nach oben (Bottom-up) möglich. Dann muss allerdings ein Produktportfoliomanagement sichergestellt sein, und die Ziele müssen mit der Unternehmensstrategie abgeglichen werden. Alternativ erarbeiten die Teams die Strategie gemeinsam mit dem Top-Management und überprüfen sie regelmäßig.
Wann ein OKR-Set während des Zyklus angepasst werden sollte, beschreiben wir in Abschnitt 3.3.
„Employees may optimize for those narrow measures of success, but this may come at the expense of other KPIs that you’re not measuring. OKRs may be helping you reach the local maximum instead of the global maximum.“
Übersetzung: „Mitarbeitende optimieren womöglich auf diese engen Erfolgsmaßstäbe, möglicherweise auf Kosten anderer KPIs, die nicht gemessen werden. OKR helfen womöglich, das lokale statt des globalen Maximums zu erreichen.“
Das trifft Organisationen, die ausschließlich mit OKR steuern. Wir steuern mit einem Drei-Dimensionalen Steuerungsmodell:
Im Check-In werden nach dem Status der OKR auch die wichtigsten KPIs besprochen. OKR sind das Navigationssystem, KPIs die Instrumente im Armaturenbrett. Gerade die Exploration zielt auf das „globale Maximum“, das Dutt vermisst.
Auch Dutts Beispiel „Get over 20,000 new signups“ (dt. „mehr als 20.000 neue Registrierungen erreichen“) wäre bei uns kein gutes Key Result. Registrierungen gelten als Vanity-Indikator: Sie wirken beeindruckend, sagen aber wenig über den tatsächlichen Erfolg aus. Als Key Result taugen sie höchstens ergänzend. Wie man verhindert, dass eine Kennzahl auf Kosten anderer optimiert wird, wusste schon Andy Grove (Abschnitt 3.1).
„You’ll need to develop a joint understanding of the baseline metrics today and talk about what improvements you want to see, how fast you want to see those improvements, and how that affects priorities.“
Übersetzung: „Sie müssen ein gemeinsames Verständnis der heutigen Ausgangswerte entwickeln und besprechen, welche Verbesserungen Sie sehen wollen, wie schnell Sie diese Verbesserungen sehen wollen und was das für die Prioritäten bedeutet.“
Ausgangswert, gewünschte Verbesserung, Tempo: Das sind genau die Bestandteile eines Key Results, nämlich Basiswert, Zielwert und Zeitraum. Dutt verzichtet lediglich darauf, sie festzuhalten. Dadurch werden sie weniger transparent und weniger verbindlich, aber nicht weniger zu Zielen.
Auch der Rest ihres Gegenentwurfs findet sich in OKR:
Radical Product Thinking und OKR schließen sich deshalb nicht aus, sie ergänzen sich. Radical Product Thinking schärft Vision und Produktstrategie. OKR übersetzt sie in einen Fokus für jeweils einen kurzen Zyklus mit messbarem Fortschritt, und zwar für alle Bereiche einer Organisation. Zwei Verbindungen liegen auf der Hand:
Gerade für Bereiche ohne Produktkennzahlen, etwa Personal, Finanzen oder Verwaltung, bietet „Kennzahlen ohne Zielwerte“ keinen Mechanismus, um zu priorisieren.
„Researchers found that people who were given specific goals were more likely to engage in unethical behavior than people who were told to do their best. Even more importantly, they found that the relationship between goal setting and unethical behavior was particularly strong when people fell just short of reaching their goals.“
Übersetzung: „Forschende stellten fest, dass Menschen mit konkreten Zielen eher unethisch handelten als Menschen, die ihr Bestes geben sollten. Noch wichtiger: Der Zusammenhang war besonders stark, wenn Menschen ihr Ziel knapp verfehlten.“
Hinzu kommt ihre These, die Entkopplung von der Vergütung reiche nicht aus.
Ziele erzeugen Druck, auch ohne Geld. Die Studie, auf die Dutt sich stützt (Schweitzer, Ordóñez und Douma 2004), fand den Effekt mit und ohne finanzielle Anreize. Diesen Punkt sollte niemand kleinreden. Entscheidend ist aber, auf welchem Weg Zahlen geschönt werden können. Es gibt vier solche Wege, und OKR hat für jeden eine Antwort.
Im Experiment von Schweitzer und Kollegen bildeten 154 Studierende Wörter aus sieben Buchstaben. Sie kontrollierten ihre Ergebnisse selbst und meldeten dann, ob sie das Ziel von neun Wörtern erreicht hatten. Die Forschenden verglichen diese Meldung mit den tatsächlich geschriebenen Wörtern. Gemessen wurde also das Schönen der eigenen Meldung.
Wir setzen bei Key Results auf Wirkungsmetriken, die objektiv messbar sind. Werden sie aus Systemen erfasst, etwa aus CRM, Ticketsystem oder Telefonanlage, ist dieser Weg weitgehend verschlossen.
Objektiv messbar heißt allerdings noch nicht objektiv gemessen. Die englische Gesundheitsaufsicht Commission for Health Improvement stellte 2003 fest (Commission for Health Improvement 2003), dass ein Drittel der geprüften Rettungsdienste Einsatzzeiten nachträglich angepasst hatte, um das Ziel von acht Minuten bei lebensbedrohlichen Notrufen zu erreichen. Die gemessene Leistung verbesserte sich dadurch um 2 bis 6 Prozentpunkte. Als Ursachen nannte die Behörde unter anderem „fear of failure“ (dt. „Angst vor dem Scheitern“) und Kulturen, in denen Mitarbeitende sich unter Druck fühlten, „die richtige Antwort zu liefern“.
Daraus folgt: Für jedes Key Result muss feststehen, woher die Zahl kommt und wer sie misst. Wo möglich, liefert sie ein System und nicht die Person, die über den Fortschritt berichtet.
Bei Wells Fargo war die Kennzahl perfekt objektiv, denn Konten lassen sich zählen. Laut CFPB (2016) eröffneten Mitarbeitende rund 1,5 Millionen Einlagenkonten und beantragten rund 565.000 Kreditkarten, die Kundinnen und Kunden möglicherweise nie autorisiert hatten. Dafür verschoben sie Geld zwischen Konten, legten falsche E-Mail-Adressen an und vergaben PINs ohne Wissen der Kunden. Die Zahl war echt. Manipuliert war die Wirklichkeit.
Der Sozialwissenschaftler Donald T. Campbell hat diesen Mechanismus beschrieben (Campbell 1979): Je stärker eine quantitative Kennzahl für Entscheidungen genutzt wird, desto stärker steht sie unter Verzerrungsdruck, und desto eher verzerrt sie die Prozesse, die sie eigentlich abbilden soll.
OKR lässt den Weg zum Ziel bewusst offen, denn darin liegt die Kreativität der Teams. Diese Freiheit schließt aber auch unerwünschte Wege ein. Typische Beispiele:
| Key Result | Zahl erreicht, Wirkung verfehlt | Möglicher Guardrail |
|---|---|---|
| Wartezeit in der Hotline von 4,6 auf 0 Minuten senken | Anrufende in einen Chatbot leiten, der das Problem nicht löst | Lösungsquote im Erstkontakt, Abbruchrate |
| Neukunden von 15.500 auf 25.000 steigern | Rabatte, Probeabos, Kunden ohne echten Bedarf | Kündigungen innerhalb von 90 Tagen, Deckungsbeitrag je Neukunde |
| Unfälle mit dem Produkt von 10 auf 1 senken | Unfälle werden seltener gemeldet oder anders eingestuft | gemeldete Beinahe-Unfälle (sollen steigen) |
| Softwarefehler von 10 auf 0 senken | Fehler werden zu „Wünschen“ umgestuft | Absturzrate laut Crash-Reporting |
Wie realistisch das Beispiel der Unfälle ist, zeigt ein Memo der US-Arbeitsschutzbehörde OSHA aus dem Jahr 2012 (OSHA 2012). Es warnt vor Prämienprogrammen, bei denen ein ganzes Team leer ausgeht, sobald eine Verletzung gemeldet wird. Solche Programme führten dazu, dass Verletzungen nicht erfasst würden, auch weil Betroffene ihre Kolleginnen und Kollegen nicht benachteiligen wollten. Das Memo bezieht sich auf Prämien. Derselbe Mechanismus kann aber auch über sozialen Druck wirken, etwa wenn ein Team-Score im ganzen Unternehmen sichtbar ist.
Objektiv gemessen wird erst, wenn feststeht, was gezählt wird. Was ist ein „Neukunde“: auch eine Reaktivierung, auch ein Probeabo? Was ist ein „Unfall“, was ein „Fehler“?
Wie folgenreich solche Spielräume sind, zeigt ein Beispiel aus Großbritannien: Im Januar 2014 entzog die nationale Statistikbehörde UK Statistics Authority den polizeilich erfassten Kriminalitätszahlen das Qualitätssiegel „National Statistics“ (Full Fact 2014). Vorausgegangen waren unter anderem Aussagen aktiver und ehemaliger Polizisten vor dem Parlament, Straftaten seien in leichtere Kategorien herabgestuft worden.
Daraus folgt: Die Messdefinition eines Key Results wird im Planning festgelegt und darf nur dokumentiert geändert werden.
Objektive Messung sagt nichts darüber, wie ehrgeizig ein Zielwert ist. Bevan und Hood (2006) zeigen am Beispiel des englischen Gesundheitswesens, wie Zielsysteme zu solchem Taktieren führen. Eine bekannte Form ist der Sperrklinken-Effekt („ratchet effect“): Wer heute übererfüllt, bekommt morgen ein höheres Ziel, also hält man sich zurück.
Hier wirken zwei Grundregeln von OKR direkt dagegen: Ein Zielerreichungsgrad von 70 Prozent gilt als Erfolg, und OKR sind nicht an die Vergütung gekoppelt. Wer nichts zu verlieren hat, muss den Zielwert nicht drücken. Ergänzend sollte der Basiswert aus einem festgelegten Zeitraum stammen und nicht aus dem günstigsten Monat.
Die wirksamste Antwort auf Dutts Einwand stammt vom Erfinder von OKR selbst. Andy Grove schreibt in „High Output Management“ (1983), Kennzahlen lenkten das Handeln. Deshalb müsse man Überreaktionen vorbeugen:
„This you can do by pairing indicators, so that together both effect and counter-effect are measured.“
Übersetzung: „Das erreicht man, indem man Indikatoren paart, sodass Wirkung und Gegenwirkung gemeinsam gemessen werden.“
Sein Beispiel: Wer den Lagerbestand senken will, muss auch die Fehlmengen messen.
Heute heißen solche Gegenindikatoren meist Guardrails, also Leitplanken. Der Begriff ist vor allem aus der Experimentierpraxis großer Digitalunternehmen bekannt, wo Guardrail-Metriken neben der eigentlichen Zielkennzahl überwacht werden (Kohavi, Tang und Xu 2020). Ein Guardrail legt fest, wie weit sich eine andere Kennzahl höchstens verschlechtern darf, während das Team am eigentlichen Ziel arbeitet.
Bei uns gehören zu jedem Key Result vier Angaben:
Einen Guardrail setzen wir gezielt dort ein, wo die Gefahr besteht, dass ein Key Result auf dem falschen Weg erreicht wird. Er wird dann als eigenes Key Result im selben OKR-Set formuliert. Zwei Beispiele:
Im OKR-Review gehört außerdem eine Frage dazu, die über die Zahl hinausgeht: „Wie haben wir das erreicht?“
Dutt hat recht, dass Ziele Druck erzeugen, Zahlen zu schönen, auch ohne Bonus. Objektive Wirkungsmetriken aus Systemdaten verhindern, dass Zahlen falsch gemeldet werden. Gegen die anderen drei Wege helfen Messdefinition, Basiszeitraum, die 70-Prozent-Regel und, wo ein Fehlanreiz droht, Groves gepaarte Indikatoren, heute als Guardrails bekannt. Die Antwort auf Dutt ist nicht, Zielwerte abzuschaffen, sondern sie so zu bauen, wie der Erfinder von OKR es schon 1983 empfohlen hat.
„Unfortunately, divorcing OKRs from performance appraisals isn’t enough […] the process of setting OKRs requires listing who is responsible for achieving a particular goal. This means if a goal is not achieved, everyone is aware of whose failure it was […]“
Übersetzung: „Leider reicht es nicht, OKR von Leistungsbeurteilungen zu entkoppeln. […] Der OKR-Prozess verlangt festzulegen, wer für das Erreichen eines bestimmten Ziels verantwortlich ist. Wird ein Ziel nicht erreicht, wissen also alle, wessen Versagen es war.“
Sinngemäß: Selbst wenn OKR nicht an die Vergütung gekoppelt sind, werde die Leistung einzelner Menschen durch die Hintertür doch an die Zielerreichung gebunden.
Erstens beschreibt die Prämisse OKR falsch. In OKR ist nicht eine einzelne Person dafür verantwortlich, ein Ziel zu erreichen. Die oder der Verantwortliche eines Key Results oder OKR-Sets, der Owner, hat eine andere Aufgabe:
Die Verantwortung für das Ergebnis trägt das gesamte Team, also die Arbeitsgruppe, die an dem Key Result oder OKR-Set arbeitet. Google beschreibt das in seinem offiziellen OKR-Leitfaden (Google re:Work) ähnlich: Die Bewertung erläutert der Owner, „usually the leader from the relevant team“ (dt. „meist die Leitung des betreffenden Teams“). Und weiter: „OKRs are not synonymous with employee evaluations.“ (dt. „OKR sind nicht gleichbedeutend mit Mitarbeiterbeurteilungen.“)
Dass OKR für einzelne Personen nicht funktionieren, hat Spotify schon 2013 festgestellt (siehe Abschnitt 2.2). Dutt zitiert genau diesen Beitrag, macht daraus aber eine Abkehr von OKR insgesamt.
Zweitens bleibt die Behauptung unbelegt. An anderen Stellen ihres Kapitels stützt sich Dutt auf Studien. Für die These, dass eine benannte verantwortliche Person zwangsläufig Schuld zuweist, nennt sie keine Quelle.
Drittens braucht ihr eigener Gegenentwurf dieselbe Sichtbarkeit. Dutt empfiehlt: „To achieve accountability without the adverse side effects of a goals-based approach, you can have product teams present product KPIs at regular update meetings.“ (dt. „Um Verantwortlichkeit ohne die negativen Nebenwirkungen eines zielbasierten Ansatzes zu erreichen, können Produktteams ihre Produkt-KPIs in regelmäßigen Update-Meetings vorstellen.“) Und: „These discussions achieve increased alignment as well as accountability.“ (dt. „Diese Diskussionen sorgen für mehr Abstimmung und zugleich für Verantwortlichkeit.“) Wenn ein Team seine Kennzahlen regelmäßig vor der Organisation vorstellt, sieht jeder, wessen Produkt zurückliegt. Dutt will also ebenfalls Rechenschaft und Sichtbarkeit. Sie streicht lediglich den vereinbarten Zielwert, an dem sich der Fortschritt messen lässt.
1. Gruppenziele wirken stark, Einzelziele können schaden. Die Meta-Analyse von Kleingeld, van Mierlo und Arends (2011) wertet 49 Effektgrößen aus und kommt zu folgenden Ergebnissen:
Die Befunde zu Einzelzielen beruhen auf wenigen Studien, ihre Richtung ist aber eindeutig. Genau diese Konstellation bildet OKR ab: Das Team verfolgt ein gemeinsames Key Result, und die einzelnen Beiträge zahlen auf dieses gemeinsame Ziel ein.
2. Wo Beiträge sichtbar sind, sinkt Trittbrettfahren. Ein naheliegender Einwand gegen Teamverantwortung lautet, dann fühle sich niemand zuständig. Die Psychologie nennt das soziales Faulenzen. Die Meta-Analyse von Karau und Williams (1993) zeigt, was diesen Effekt verringert:
OKR liefert alle drei, ohne Einzelne für das Ergebnis haftbar zu machen. Die Beiträge werden auf der Ebene der Aufgaben sichtbar, etwa wenn im Daily Huddle oder im Check-In jedes Teammitglied sagt, auf welches Key Result seine Tätigkeit einzahlt. Feedback gibt es wöchentlich. Den Sinn liefert das Key Result selbst, wenn es seinen Zweck benennt („… um …“).
3. Am besten wirkt Rechenschaft für Ergebnis und Weg zugleich. Chang, Atanasov, Patil, Mellers und Tetlock (2017) untersuchten über einen langen Zeitraum, wie Rechenschaftspflicht die Treffsicherheit von Prognosen beeinflusst:
Übertragen auf OKR: Das Team steht für das Ergebnis ein, gemessen am Key Result. Der Owner sorgt dafür, dass der Weg transparent bleibt: durch regelmäßige Berichte, durch eine frühe Warnung, wenn die Zuversicht des Teams sinkt (Confidence Level), und durch dokumentierte Erkenntnisse im Review.
4. Der eigentliche Gegner ist Angst, nicht Verantwortung. Dieselbe Studie benennt die Gefahr, die Dutt meint, präziser als sie: die Angst, bewertet zu werden. Sie kann Entscheidungen verschlechtern und dazu führen, dass Menschen an bereits investierten Mitteln festhalten. Die Antwort darauf ist psychologische Sicherheit. Amy Edmondson (1999) definiert sie als gemeinsame Überzeugung im Team, dass man zwischenmenschliche Risiken eingehen kann. Teams mit hoher psychologischer Sicherheit holen öfter Feedback ein, besprechen Fehler offener, experimentieren mehr und erzielen darüber bessere Ergebnisse.
Google setzt das an zwei Stellen um:
| Rolle | verantwortet | verantwortet nicht |
|---|---|---|
| Owner des Key Results bzw. OKR-Sets | Koordination, Vorbereitung und Moderation von Check-In und Review, Fortschrittsberichte, frühe Warnung bei sinkender Zuversicht; wirkt idealerweise selbst mit | das Ergebnis allein |
| Team bzw. Arbeitsgruppe | das Ergebnis des Key Results bzw. OKR-Sets, die Wahl und Anpassung der Maßnahmen | |
| Führungskräfte | Rahmen, Ressourcen, psychologische Sicherheit, Trennung von Scores und Personalbeurteilung | die Bewertung einzelner Personen anhand von Scores |
Dazu gehört eine einfache Regel für die Meetings: Berichtet wird an das Team, nicht an die Führungskraft.
Dutts Kritik trifft ein Zerrbild: individuelle OKR, für deren Verfehlung eine einzelne Person haftet. OKR, wie es gedacht ist, verteilt die Rollen anders. Das Team trägt das Ergebnis, der Owner koordiniert und berichtet, und ein verfehlter Score ist eine Information für den nächsten Zyklus, kein Urteil über Menschen. Die Forschung stützt genau diese Konstellation: gemeinsame Gruppenziele, sichtbare Einzelbeiträge, Rechenschaft für Ergebnis und Weg sowie ein Umfeld, in dem Verfehlungen offen besprochen werden können.
„OKRs, once set, are hard to adjust, and teams may end up working toward a goal even when it’s clear that it’s not the right measure of success.“
Übersetzung: „Einmal gesetzte OKR sind schwer anzupassen, und Teams arbeiten womöglich weiter auf ein Ziel hin, obwohl klar ist, dass es nicht der richtige Erfolgsmaßstab ist.“
Dutt erwähnt selbst, dass Bruce McCarthy, Autor von „Product Roadmaps Relaunched“, in seinen OKR-Workshops empfiehlt, OKR neu zu kalibrieren, wenn sie sich als falsche Indikatoren oder als unerreichbar erweisen. In großen Organisationen hält sie das für nicht praktikabel, weil OKR dort über viele Bereiche abgestimmt seien.
Beim Umgang mit laufenden Zielen sind zwei Fehler möglich, und beide sind gut erforscht:
OKR ist nach seinen eigenen Quellen nicht starr angelegt. John Doerr schreibt in „Measure What Matters“ (Doerr 2018): „Remember that an OKR can be modified or even scrapped at any point in its cycle.“ (dt. „Denken Sie daran, dass ein OKR zu jedem Zeitpunkt seines Zyklus angepasst oder sogar gestrichen werden kann.“) Googles OKR-Leitfaden (Google re:Work) beschreibt, dass manche Teams ihre OKR „a few times a quarter“ (dt. „ein paar Mal pro Quartal“) überprüfen, um Ziele aufzugeben, „that are clearly not going to happen“ (dt. „die eindeutig nicht erreicht werden“). Beliebig sind Änderungen trotzdem nicht. Die Plattform What Matters, deren Trainings auf Doerrs Buch beruhen, legt die Hürde bewusst hoch (What Matters): „The bar for changing OKRs should be high“ (dt. „Die Hürde für Änderungen an OKR sollte hoch sein“), und: „Never change your OKRs because you’re afraid you’ll fall short of a goal.“ (dt. „Ändern Sie Ihre OKR nie, weil Sie befürchten, ein Ziel zu verfehlen.“) Dutts Kritik trifft also eine Praxis, die die Methode selbst nicht vorsieht.
Damit weder das eine noch das andere passiert, unterscheiden wir drei Fälle:
| Fall | Woran man ihn erkennt | Was passiert |
|---|---|---|
| 1. Das Ziel ist schwer, aber richtig | Die Messgröße bildet die gewünschte Wirkung weiterhin ab, der Fortschritt bleibt aber hinter dem Plan zurück. | Das Key Result bleibt. Das Team passt seine Maßnahmen an. Die 70-Prozent-Regel fängt die Ambition auf. |
| 2. Die Messgröße ist falsch oder die Hypothese widerlegt | Die Zahl kann steigen, ohne dass die Wirkung eintritt, oder die Annahme hinter dem Key Result hat sich als falsch erwiesen. | Das Key Result wird im nächsten Check-In offen angepasst oder gestrichen. Alte und neue Fassung bleiben sichtbar, die Erkenntnis wird dokumentiert, betroffene Teams werden informiert. |
| 3. Ein Großereignis verändert die Rahmenbedingungen | Ereignisse wie eine Pandemie oder ein Kriegsausbruch, die niemand vorhersehen konnte. | Das Planning wird vollständig neu gestartet. |
Unabhängig davon passen die Teams ihre Maßnahmen ohnehin laufend an: im Rhythmus von ein bis zwei Wochen und gemessen an deren tatsächlicher Wirkung.
Dutts Einwand, Anpassungen seien in Konzernen zu aufwendig, greift aus drei Gründen nicht:
Dutt hat recht, dass Teams nicht an einem erkennbar falschen Erfolgsmaßstab festhalten sollten. OKR sieht das auch nicht vor. Die Kunst liegt in der Unterscheidung: Ein schweres Ziel bleibt, eine falsche Messgröße wird korrigiert, und bei einem Großereignis beginnt das Planning neu.
„specific goals may discourage experimentation and adaptive behavior and ultimately limit innovation.“
Übersetzung: „Konkrete Ziele können Experimente und anpassungsfähiges Verhalten hemmen und letztlich Innovation begrenzen.“
Wer ein neues Feld betritt, dem fehlt das Wissen, wie das Ziel zu erreichen ist. In dieser Lage können konkrete Leistungsziele schaden, weil sie zu Aktionismus statt zu Lernen verleiten. Das bestätigen auch Locke und Latham (2002): Bei Aufgaben, die für die Beteiligten komplex sind, „learning goals can be superior to performance goals“ (dt. „Lernziele können Leistungszielen überlegen sein“). Wie in Abschnitt 2.3 gezeigt, folgt daraus aber nicht, dass man auf Ziele verzichten sollte. Seijts und Latham (2005) empfehlen ausdrücklich ein konkretes, anspruchsvolles Lernziel.
In unsicheren Phasen trennen wir drei Ebenen sauber:
Das entspricht dem Kreislauf aus Bauen, Messen und Lernen, den Eric Ries in „The Lean Startup“ beschreibt (Ries 2011). Ries nennt das Ergebnis „validated learning“ (dt. „validiertes Lernen“): den empirischen Nachweis, dass ein Team „has discovered valuable truths“ (dt. „wertvolle Wahrheiten entdeckt hat“) über die gegenwärtigen und künftigen Geschäftsaussichten.
Wie viel dabei von der Formulierung abhängt, zeigt ein Beispiel aus der Preisfindung. Das Objective lautet: „Wir haben ein Preismodell gefunden, das mittelständische Kunden überzeugt.“
„Wir haben mit mindestens 50 Zielkunden belastbar geklärt, ob mittelständische Kunden für unser Produkt 49 Euro im Monat zahlen, gemessen an verbindlichen Vorbestellungen, und auf dieser Basis über das Preismodell entschieden.“
Dieses Key Result wirkt messbar und anspruchsvoll. Es misst aber die Arbeit des Teams: Ein Test wurde durchgeführt, eine Entscheidung getroffen. Erfüllt wäre es auch dann, wenn kein einziger Kunde das Preismodell überzeugend findet. Ob das Modell bei Kunden ankommt, sagt es nicht.
„Wir haben für die Attraktivität unseres Preismodells von der Zielgruppe 5 von 5 Sternen bekommen.“
Dieses Key Result misst die Wirkung beim Kunden: wie überzeugend die Zielgruppe das Preismodell findet. Den konkreten Preispunkt ermitteln wir im nächsten Schritt, wenn das Modell selbst überzeugt.
Die Forschung, auf die sich Dutt beruft, spricht nicht gegen Ziele, sondern für die richtige Art von Zielen. OKR verbindet beides: Das Objective gibt in unsicheren Phasen eine Lernrichtung vor, die Key Results messen die Wirkung beim Kunden, und die Maßnahmen bleiben frei für Experimente.
„Ironically, the goals that were designed to be aspirational become demotivating. Even high-performing individuals who are passionate about their product will advocate for less ambitious goal setting because of the fear of failing to achieve those goals.“
Übersetzung: „Ironischerweise demotivieren gerade die Ziele, die ambitioniert sein sollten. Selbst Leistungsträger, die für ihr Produkt brennen, plädieren aus Angst vor dem Verfehlen für weniger ehrgeizige Ziele.“
Und zum Aufwand: „Teams that use OKRs spend long hours negotiating these goals.“ (dt. „Teams, die OKR nutzen, verbringen viele Stunden damit, diese Ziele auszuhandeln.“)
Für die Behauptung, Leistungsträger drängten aus Angst auf niedrigere Ziele, nennt Dutt keine Quelle. Einen wahren Kern hat sie trotzdem: Sitkin, See, Miller, Lawless und Carton (2011) argumentieren, dass „stretch goals“ (dt. „Stretch-Ziele“) im Sinne scheinbar unerreichbarer Ziele riskant sind. Sie seien „paradoxically, most seductive for organizations that can least afford the risks“ (dt. „paradoxerweise am verlockendsten für Organisationen, die sich die Risiken am wenigsten leisten können“). Unbegrenzte Ambition ist also kein Selbstzweck.
Locke und Latham (2002) fassen die Befunde eindeutig zusammen:
Ambition wirkt also, solange die Bindung an das Ziel hält. Die Frage ist nicht, ob Ziele ambitioniert sein sollten, sondern wie man Ambition ohne Angst ermöglicht.
Dutt kritisiert die Stunden, die Teams mit dem Aushandeln von OKR verbringen. Ihr eigener Vorschlag spart diese Zeit allerdings nicht ein, er verteilt sie um: „Instead, you can allocate those same hours to regularly scheduled cross-functional discussions“ (dt. „Stattdessen können Sie dieselben Stunden für regelmäßige, bereichsübergreifende Besprechungen einsetzen“). Es geht also nicht um weniger Aufwand, sondern um anderen.
In unserer Praxis dauert das OKR-Planning pro Team vier Stunden je Zyklus, aufgeteilt in zwei Stunden für den Entwurf (Drafting) und zwei Stunden für die Verfeinerung (Refinement). Für die OKR auf Unternehmensebene planen wir bis zu einen Tag ein. Bei Quartalszyklen sind das pro Team 16 Stunden im Jahr, also rund zwei Arbeitstage, bei künftig zweimonatigen Zyklen 24 Stunden, also rund drei Arbeitstage. Dazu tragen zwei Dinge bei:
Ambitionierte Ziele demotivieren dort, wo Verfehlen bestraft wird und Ziele scheinbar unerreichbar sind. OKR beantwortet beides: 70 Prozent gelten als Erfolg, die Vergütung ist entkoppelt, und wo 100 Prozent Pflicht sind, gilt die Regel nicht. Der Aufwand liegt bei rund zwei bis drei Arbeitstagen pro Team und Jahr, nicht bei den „long hours“ (dt. „vielen Stunden“), die Dutt beschreibt.
Radhika Dutt beschreibt reale Nebenwirkungen von Zielsteuerung. Ihre Belege stammen aber aus Quotensystemen, Jahreszielen mit Bonuskopplung und individuellen Zielvereinbarungen, also aus genau der Praxis, die OKR ersetzen soll. Wo ihre Kritik einen wahren Kern hat, liegt die Lösung in OKR selbst und in der Forschung, auf die sie sich beruft.
| Dutts These | Antwort aus OKR | Abschnitt |
|---|---|---|
| 1. Produktkennzahlen werden zu Zielen | Wirkungsmetriken statt Vanity-Kennzahlen, KPIs laufen daneben mit | 2.5 |
| 2. Ambitionierte Ziele demotivieren | 70 Prozent gelten als Erfolg, keine Vergütungskopplung, Ausnahmen für Sicherheit und Compliance | 3.5 |
| 3. Konkrete Ziele schaden bei komplexen Aufgaben | Lernrichtung im Objective, Kundenwirkung in den Key Results | 2.3, 3.4 |
| 4. Der Fokus führt ins lokale Optimum | Drei-Dimensionales Steuerungsmodell und Guardrails | 2.5, 3.1 |
| 5. Ziele fördern unethisches Verhalten | keine Quoten und Boni, Messdefinition, Datenquelle und, wo nötig, Guardrails | 2.1, 3.1 |
| 6. Verfehlungen werden persönlich | Das Team trägt das Ergebnis, der Owner koordiniert und berichtet | 3.2 |
| 7. OKR sind starr und aufwendig | kurze Zyklen statt Jahres-OKR, Jahresziele als KPIs und Zielbild, Drei-Fälle-Regel, vier Stunden Planning pro Team und Zyklus | 2.2, 2.4, 3.3, 3.5 |
Ihr eigener Gegenentwurf enthält Basiswerte, gewünschte Verbesserungen und Zeiträume, nur ohne sie festzuhalten. Radical Product Thinking und OKR sind deshalb keine Gegensätze. Das eine schärft Vision und Produktstrategie, das andere macht ihre Umsetzung messbar, und zwar mit Regeln, die die Nebenwirkungen, vor denen Dutt warnt, gezielt verhindern.
Sie möchten OKR so einführen oder weiterentwickeln, dass die Nebenwirkungen, vor denen Dutt warnt, gar nicht erst entstehen? Oder prüfen, wo Ihre heutige Praxis Schwachstellen hat? Mit dem OKR Health Check finden wir sie gemeinsam. Sprechen Sie uns an.
1 Die Mitbestimmungsrechte des Betriebsrats greifen unter anderem bei technischen Einrichtungen, die dazu bestimmt sind, das Verhalten oder die Leistung der Beschäftigten zu überwachen (§ 87 Abs. 1 Nr. 6 BetrVG), bei Zielerreichungsprämien als Frage der Lohngestaltung (§ 87 Abs. 1 Nr. 10 BetrVG; Redmann, Haufe) und bei allgemeinen Beurteilungsgrundsätzen (§ 94 Abs. 2 BetrVG). Im öffentlichen Dienst hat der Personalrat nach den Personalvertretungsgesetzen vergleichbare Rechte. ↩
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